Bilder und Objekte 27. November 2009 - 13. März 2010
Der Wald im Kopf
Was für ein Furcht erregendes Dickicht! Lange blauschwarze Dornen stechen
aus dem Untergrund empor, bereit jeden aufzuspießen, der sich heranwagt.
Ein aussichtsloses Unterfangen, dieses Gestrüpp durchdringen zu wollen.
Es scheint unendlich, auch wenn der Lichtstreifen am Horizont Hoffnung verspricht.
Trak Wendisch hat den meisten seiner Strukturbilder, die aus mehr oder weniger
fein verwobenen Liniennetzen bestehen, keine Titel gegeben. Inoffiziell spricht
er jedoch von seinen 'Waldbildern' - und in der Tat ist diese Deutung naheliegend.
Obwohl der Berliner Maler und Bildhauer vor allem als Menschenbildner bekannt
ist, befasst er sich seit früher Jugend mit Landschaft. Während seines
Studiums bei Bernhard Heisig in Leipzig eher nebenbei und versteckt, da an
den Ostdeutschen Kunsthochschulen ähnlich restriktive Vorstellungen von
zeitgemäßer Kunst herrschten, wie an den West-Akademien. Seit Mitte
der 90er Jahre jedoch immer offensiver und selbstbewusster. Die Leuchtkraft
in den Bildern des Deutsch-Römers Hans von Marées beflügelt
ihn dabei ebenso, wie Olafur Eliassons „Weather Project“ in der
Tate Modern. Die Sonne, die der Däne in die Londoner Turbinenhalle sperrte,
findet seine Entsprechung in der großen goldenen Scheibe, die Trak Wendisch
machen musste, ohne genau zu wissen, warum. Alles, was den Künstler in
den Bann zieht, fließt unweigerlich in seine Arbeit ein. So verwundert
es auch nicht, dass die Lichtstimmungen inmitten eines Rapsfeldes, eines umgepflügten
Ackers oder fallender Herbstblätter die emotionale Tonlage der zum Teil
stark gestischen Gemälde vorgeben.
Die Verästelungen und Gespinste hingegen schöpfen ihre Suggestionskraft
aus der Ambivalenz: Der reale Wald lässt sich ebenso gut als 'Wald im
Web' oder 'Wald im Kopf' lesen. Als Ausschnitt eines hunderttausendfach vergrößerten
Gefühls- und Informations-Dschungels, dessen Datenfluss gleichermaßen
unkontrollierbar und beängstigend erscheint.
In der zweiten Hälfte der 90er Jahre, als auch die letzten Privathaushalte
des wiedervereinten Deutschlands verkabelt waren, entstanden die Vorläufer
der heutigen Strukturbilder: Zarte, reduzierte Netzbilder, die so gar nicht
zu den rußgeschwärzten Archetypen passen wollten, denen der „Junge
Wilde der DDR“ in den 80er und Anfang der 90er Jahre mit Axt und Kettensäge
zu Leibe rückte. Bis zur Erschöpfung hatte sich Trak Wendisch mit
dem Holz gemessen; dem Stamm immer gestrecktere, immer schlankere Skulpturen
entrungen, die Schwerkraft überlistet und die Körper entmaterialisiert.
Mitte der 90er Jahre war das expressive Figurenrepertoire im wahrsten Sinne
des Wortes überspannt, die Grenzen des Machbaren ausgereizt. Zwangsläufig
setzte hier eine Zäsur- und Besinnungsphase ein.
Sicher kein Zufall, dass die Informationstechnologie zu diesem Zeitpunkt seine
Aufmerksamkeit auf sich zog. Die digitale Revolution gab den Impuls zu einer
völlig neuen Sichtweise der Landschaft und zu mathematisch-strengen Bildern,
die in der Folge einem Befreiungsschlag gleichkamen.
Der Künstler fand zurück zu seiner Authentizität. Zurück
zu den geometrischen Grundformen plastischer Gestaltung – und einem Fingerspitzengefühl
für die weichen Materialien Wachs und Gips, mit denen er das in den Fokus
geratene Spannungsverhältnis von Außen- und Innenwelt grandios umsetzte.
Doch ein Naturell wie Wendisch begnügt sich auf Dauer nicht mit dem Reiz
formaler Kontraste. Auch wenn das haptische Erlebnis unterschiedlicher Oberflächen
noch so erotisch ist – seine Kunst entspringt immer auch einer Art
Notwendigkeit. Nur aus der inneren Befindlichkeit heraus, einer bislang unbekannten
Ruhe und Kontemplation, konnten nun aus Kugeln und Kuben neue Bildwelten erwachsen.
Wie extrem die Ergebnisse ausfallen, zeigt diese Ausstellung: Einerseits zarte
Drahtplastiken, „Schwinger" genannnt, die wie Baumschößlinge
anmuten und an die figürlichen Raumzeichnungen anknüpfen. Andererseits
kompakte Formen wie die 'Schenkel-Plastik', die sich ebenso als Sinnbild für
den Schöpfungsakt deuten lassen, wie die raumgreifenden Brunnen mit ihren
vegetativen Labyrinthen, die im auf- und abschwellenden Wasser ihre Erscheinungsform
variieren.
Dazwischen eine ganze Reihe aufgeschnittener, aufgebrochener oder eingestülpter
Objekte, die tatsächlich nichts anderes als Pollen darstellen. Pflanzliche
Spermien, wie sie millionenfach auf Feld und Flur umher schwirren.
Mikrokosmos und Makrokosmos, Hülle und Kern, Monumentalität und Molekül – das
sind die Parameter, zwischen denen Trak Wendisch sein komplexes Netz-Werk gespannt
hat. Auch wenn sich Gemälde, Plastiken und Skulpturen in Material, Oberflächenbehandlung
und Formgebung stark unterscheiden – sie entspringen derselben ganzheitlichen
Ordnung, in der alles mit allem verknüpft ist: Der Natur.
Isabelle Hofmann, November 2009
Zur Ausstellung sind zwei Booklets erschienen:
'Thicket' - ausstellungsbegleitend, mit einem Text von Isabelle Hofmann, 32 Seiten
'Projekte' - eine Auswahl seiner Projekte im Außenraum und im Kontext mit Architektur, 28 Seiten
Schutzgebühr incl. Versand Euro 5,- | » Bestellung