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Vivian Kahra  
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Einführung Dr. Wolf Jahn

VIVIAN KAHRA | 'tempo giusto'
11. September - 24. Oktober 2009


Eine ehrliche Sekunde

Ich will, hat Vivian Kahra vor ein paar Jahren geschrieben, „meine Figuren, Dinge und Situationen in einer ehrlichen Sekunde zeigen." Und zwar einer Sekunde, wie sie weiter vermerkt, „in der sie (Figuren, Dinge und Situationen) Gefühl und Poesie transportieren.“ Aber was bedeutet eine ehrliche Sekunde? Anders gefragt: Gibt es eine unehrliche Sekunde? Können wir Zeit zwischen falsch und wahr, ehrlich und unehrlich unterscheiden? Kaum. Tempus fugit heißt es, die Zeit flieht. Und ob es bei diesem unaufhörlichem Zeitstrom ehrlich oder weniger ehrlich zugeht, wenn stört es? Wir können die Zeit verfälschen, sie beschönigen, sie im Nachhinein verklären etwa so wie es in der Rede von den guten, alten Zeiten mitschwingt. Wir können Knechtschaft durch die Brille der Ostalgie in ein goldenes Zeitalter verwandeln, Armut als romantische Projektion verklären. Wie schwer da mit Ehrlichkeit umzugehen ist zeigen die gewichtigen Bücher der Historiker. Unmerklich für den Moment, aber doch signifikant im Lauf der Zeit ändern sich ihre historischen Einsichten. Geschichte ist naiv gesprochen nie ehrlich, woraus sich aber auch nicht das Gegenteil ableiten läßt. Sie, die sich mit einer vergangenen Zeit befasst, muss diese vergangene Zeit stets neu erfinden und ergründen. Ehrlichkeit kann da zwar erklärte Absicht, nie aber Ziel der Geschichtsschreibung sein.

Doch kommen wir zurück zur Künstlerin und ihrer Suche nach einer ehrlichen Sekunde in ihren Bildern. Mit dem soeben Gesagten, der Vergangenheit als Geschichte, scheinen sie auf den ersten Blick wenig gemein zu haben. Denn in diesen Bildern sehen wir kaum Motive, die uns an Geschichte oder Zeit-Geschichte im herkömmlichen Sinn erinnern. Hier fallen keine historischen Ereignisse, keine großartigen Manifestationen oder prominente Größen der Weltgeschichte auf. Stattdessen eröffnet uns Vivian Kahra den Blick auf Landschaften, auf Hügel, Wälder, Unterwassergefilde, auf Bäume, auf Regionen, die nicht zwangsläufig geschichsträchtige Assoziationen wecken. Wir sehen wie sich in ihnen Sportler, Taucher oder andere Figuren bewegen. Überhaupt fällt Bewegung auf: in der Flüchtigkeit der Zeichen- und Malstile, im Agieren der Figuren, im Moment des Bildes, das während einer Fahrt aufgenommen wurde, im bewußten Umgang mit verschiedenen Materialien vom pastosen Acryl bis hin zur verwässerten Farbe. Panta rhei, Alles fließt könnte man sagen. Wo findet sich darin Ehrlichkeit?

Um diese Frage näher einzukreisen ist wichtig festzustellen, dass Vivian Kahra nicht nur Kunst macht. Denn noch vor aller Kunst geht sie einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach. Sie geht, früher aus sportlichen Gründen, heute mehr aus Freude an der Bewegung in die freie Natur, in der sie sich bewegt. Sie läuft, sie schwimmt, sie betreibt Radsport ganz ohne künstlerische Intention. Und wenn nicht das Land, das Meer, die Berge Ziel ihrer Ausflüge sind, dann die Stadt und ihre Parks. Eines führt sie dabei immer mit in ihrem Gepäck: eine Kamera. Mit ihr hält sie mehr dokumentarisch als unter künstlerischen Gesichtspunkten den erlebten Aussenraum fest. Aber es muss nicht unbedingt das unmittelbare Erleben der Landschaft oder der Stadt sein, das sich in Vivian Kahras Bildmaterial widerspiegelt. Auch im Internet lassen sich Bilder finden, die dem eigenen Bewegungsdrang entsprechen, etwa die Bilder der Taucher, die hier in mehrfacher Ausführung anzutreffen sind.

Das alles ereignet sich wie bereits erwähnt noch ganz ohne künstlerische Intention. Zwar weiß Vivian Kahra um eine mögliche spätere Verwertung ihres Bildmaterials in Zeichnungen oder Gemälde, doch tragen die Bilder selbst diese Absicht nicht in sich. Die Intention der Künstlerin liegt zunächst ausserhalb der Bilder. Sie beginnt damit den Prozess der Erinnerung als Motiv und Gegenstand zu nehmen. Im Unterschied zur Erinnerung, die an bestimmte Gesichter, bestimmte Landschaftsprofile oder konkrete Lichtverhältnisse gebunden ist, ist hier Ziel der Erinnerung ein Gefühl, das sich im Moment des Erlebens des Aussenraums im Innen einstellt. Eigentlich, schreibt Vivian Kahra, „bin ich immer ständig dabei die Frage zu beantworten: „läßt sich ein Gefühl bildlich erinnern?“ Diese Frage ergänzt das eingangs erwähnte Zitat, mit der Suche nach einer ehrlichen Sekunde, in der die Figuren, Dinge und Situationen Gefühl und Poesie transportieren.

Mit klassischer Geschichtsschreibung, die ja immer auch ein Moment der Erinnerung bedarf, hat eine derartige Gefühls-Erinnerung zunächst wenig gemein. Beide Erinnerungs-Modi scheinen unvereinbar. Geschichtsbilder sollen nicht auf Gefühlen aufbauen - sie könnten ja trügen - sondern auf nachvollziehbaren, vor allem belegbaren Fakten, Dokumenten, Aussagen oder sonstigen objektiven Kriterien. Doch trotz dieser Diskrepanz haben beide Erinnerungen den gleichen Anspruch, nämlich ehrlich zu sein. Wir könnten auch von authentisch, von Wahrhaftigkeit sprechen wären wir bereit das bei diesen Worten unweigerlich mitschwingende Pathos zu vergessen.

Dennoch: wenn VK Erinnerung in den Bereich von Poesie und Gefühl verlagert wiederspricht dies der offziell anerkannten Form von Erinnerung, die sich zu einer Art Anwalt der Entrechteten und Vergessenen emporgehoben hat. Wider das Vergessen: das bedeutet heute sich dessen zu erinnern - wir können auch sagen das zu verinnerlichen -, das der Veräußerlichung oder anders übersetzt der Musealisierung anheim zu fallen droht. Das mögen politische Ereignisse, aber auch tradiertes Erbe wie Sprachschatz oder soziales Handeln sein. Mächtig ist eine derartige Erinnerungsarbeit dort, wo wir vom kollektiven Bildgedächtnis sprechen. Wer an ihm Teil hat erinnert in lebendiger Art. Er trägt die Bilder auf nahezu unreflektierte Weise in sich.

Mir scheint, dass VK hier eine andere Art von Erinnerung sucht, eine, die sich weniger am kollektiven, vielmehr am individuellen Leben und Erleben orientiert. Da ist es auch unerheblich, ob sich in ihren Bildern wie noch vor einigen Jahren nur eine Person oder wie in den aktuellen Bildern zwei Personen bewegen. Bei beiden handelt es sich in gewisser Hinischt um ein Individuum, bei der Einzelperson um ein physisches, beim Paar um ein soziales Indivduum, dessen Unteilbarkeit sich in seinem gegenseitigen und ausschließlichen Aufeinanderbeziehen auszeichnet. Was diese Individuen in den Bildern von VK erleben und später erinnern sind nicht gesellschaftliche Ereignisse, sondern eben Gefühle, die sich an den Orten ihres Aufenthalts einstellten. Gefühle, die VK mitunter aus mehreren Bildvorlagen zu erinnern versucht sowie mit dem bewußten Einsatz unterschiedlichster Materialien, um dem erinnerten Gefühl in seiner Komplexität gerecht zu werden. Vielleicht läßt sich die Erinnerung eines derartigen Gefühls am besten mit jenen sensitiv ausgelösten Erinnerungen vergleichen, die jeder auf die eine oder andere Weise kennt. Es genügt die Andeutung einer Lichtstimmung, der Hauch eines Geruchs, der uns plötzlich um die Nase weht und die uns beide schlagartig in eine scheinbar längst vergessene Vergangenheit zu versetzen vermögen. Erinnerung und Sinne bilden eine offensichtlich starke Allianz. Beide scheinen fester miteinander verbunden als Erinnerung und Reflektion. Es sind im besonderen unsere Sinnesorgane, durch die die erlebte Zeit in das Gedächtnis fließt und die durch kleine sensitive Sensationen gleichsam aus dem Stand wieder in die Gegenwart geholt werden kann. Beginnt nicht Marcel Prousts moderner Klassiker, seine Suche nach der verlorenen Zeit mit einem Geschmack und der dadurch ausgelösten Erinnerung?

In VKs Bildern geht es aber nicht um das Proust´sches Erlebnis, oder mit den Worten des Franzosen gesprochen um „das unermeßliche Gebäude der Erinnerung", das durch Geschmack und Geruch wieder zurück ins Leben gerufen wird. In den Bildern der Künstlerin steht vielmehr das Gefühl selbst im Zentrum der Erinnerung. Nicht der Ort, die räumlichen Begebenheiten oder das Leben der Vergangenheit sollen hier hervorgerufen werden. Aus diesem Grund handelt es sich bei den Arbeiten von VK auch nicht um Dokumente oder um erinnerte Bilder aus der Vergangenheit. Ihre Bilder setzen früher an, nämlich bei jener primären Sinn-Sphäre, die noch vor aller Erinnerung und Reflektion liegt. Es ist ein wenig wie mit dem eben erwähnten Geruch oder Duft, der uns schlagartig in eine ehemalige Welt versetzt. Von der wir aber mit absoluter Sicherheit wissen, dass sie unsere Welt ist beziehungsweise Teil unseres Lebens war. Hier gibt es kein Ahnen oder Vermuten. Hier ist alles auf unbeabsichtigt unprätentiöse Art und Weise authentisch. Primär versetzen uns solche Sinnes-Erlebnisse nämlich weniger wie bei Proust in eine Zeit mit bestimmten Handlungen, Vorfällen, Abläufen, dramatischen Ereignissen oder geführten Gesprächen. Sie tauchen uns stattdessen für den Moment einer ehrlichen Sekunde in eine Welt gefühlter Stimmung, die sich unser regelmächtig bemächtigt. Plötzlich, ohne uns wehren zu können sind wir dort wo wir einmal waren, in uns und dort wo wir noch immer verweilen, in uns. Individuelle Gegenwart und Vergangenheit fallen in eins, das heißt in den eigenen Körper. Das ist das Unglaubliche an dieser Gefühlserinnerung. Sie vergegenwärtigt uns mit uns selbst indem sie uns aus der Vergangenheit in die Gegenwart abholt. Die eigene Geschichte, und die beginnt immer dort wo Gefühle sich prägen, wird zur Gegenwart.

Ich möchte diesen Gedanken enden wie ich ihn begonnen habe, nämlich mit einem Zitat der Künstlerin, genauer mit einer von ihr gestellten Frage: Kannst du zu Hause sein, wenn du unterwegs bist? Die Antwort darauf finden Sie in ihrer Bildern. Denn genau davon sprechen sie, vom Unterwegs- und gleichzeitigem In-sich-sein, vom Aussen, das über das Gefühl das Innen ins Zuhause verwandelt.

Dr. Wolf Jahn, 2009





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