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Ulrike Bolenz
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'Ikarus'
Objekte und Installationen
9.7. - 28.8.04
'Espace brise’ durchbrochener Raum heißt eine 200 cm im Quadrat messende, aus acht
parallel angeordneten Acrylglaselementen von je 5 cm Tiefe gefügte Arbeit aus dem Jahr 2000. In
wuchtigem Gestus scheint ein Torso den ausgestreckten rechten Arm vorzuschnellen, wobei der
diagonal eingesetzte Oberkörper in natürlicher Größe der Stoßkraft des Impulses die gebührende
Dynamik verleiht. Die räumlich geschichtet aufgeprintete und mit Acrylfarbe versetzte Silhouette,
gesichtslos und bar jeden Details, 'schwebt’ in dem Gebinde aus Acrylglasplatten, welches neben
der konstruktiven Strenge der gleichmäßigen senkrechten Elemente unregelmäßig gebrochene
Einsprengungen aufweist - und zwar just in jenen Partien, die der Körpergestus dynamisiert. Etliche
unregelmäßig heruntergeronnene Farbschlieren, sowie schemenhaft konturierte Teilflächen,
akzentuieren das ansonsten durchsichtige Raum-Flächen-Szenario zusätzlich und verstärken den
Gesamteindruck des Flüchtigen und Brachialen.
Frei aufgehängt im realen Ausstellungsraum begegnet dieser 'durchbrochene Raum’ dem
Betrachter: Zu flüchtig und zu flächenenthoben, um als Bild bezeichnet zu werden, fast entmaterialisiert,
also auch kaum der Gattung 'Plastik’ zuzuschreiben, und für ein Environment mangelt es
an Bodenhaftung und Raumgebundenheit. Dennoch ist die Arbeit von sinnlicher Unmittelbarkeit,
attraktiert Auge und Bewußtsein und weist sich als Gegenüber aus, mit dem zu rechnen ist.
Es ist schwierig, um nicht zu sagen: unmöglich, den 'Kunstraum’, den Ulrike Bolenz in die-
ser oder jeder anderen Arbeit belegt hat, festzumachen. Die Ingredienzien sind natürlich rasch
benannt: Acrylglasscheiben, in mehreren Ebenen zu- und hintereinander gestaffelt, dienen als
Bildträger für Gelatineprints und frei variierte Acrylmalerei, und als Ausgangsmaterial sind
fotografische Aufnahmen von Menschen auszumachen - im Sinne der künftigen Verwendung
bearbeitete freilich, worauf noch einzugehen sein wird.
Komplex analytisch, kaum zu trennen, ist das Zueinander dieser Elemente, das
Zusammenwirken, das sich aus der Kombinatorik aus Blickfestem, Durchscheinendem und
Durchsichtigem ergibt und eine Verschwisterung von geradezu symbiotischer wechselseitiger
Bedingtheit eingeht. Kann man in der Detailanalyse sich noch auf Flächiges beziehen, so bildet in
der Gesamtheit immer der Raum den Bezugsrahmen, ein Raum allerdings, der in mehrfacher
Hinsicht künstlerisch aufgebrochen wird.
Das Abstraktum Raum wird zwar in seiner simpelsten definitorischen Festlegung über
'Länge mal Breite mal Höhe’ beschrieben, aber natürlich macht erst die materielle Konkretion ihn
sinnlich erfahrbar. Wahrend wir die konkretesten Umsetzungen von Raum in der vertrauten
Alltagsarchitektur mehr oder weniger bewußt erleben und in den Waagerechten und Senkrechten
der mittels Wasserwaage und Senkblei konzipierten Raumdeterminanten unser
Gleichgewichtsorgan bestätigt finden, sind weite, offene Naturräume schon sehr viel schwieriger
anzueignen und werden bildlich zum Beispiel mittels der Zentralperspektive definiert. Aber überall
da, wo es an solchen Hilfskriterien mangelt, stellt sich Unsicherheit ein.
Ulrike Bolenz macht sich nun eine solche künstlich herbeigeführte Verunklärung zunutze,
indem sie mehrfach zueinander gestaffelte durchsichtige Teilflächen in den Realraum des
Ausstellungsortes hängt oder stellt und diese partiell bearbeitet. Diese Bildträger sind - je nach
Lichteinfall - allein an den Schnitt- und Brechungskanten und den Schraub- und
Verstärkungselementen linear oder punktuell materialisiert. Und natürlich dort, wo über die
Fotoemulsionen die Bildelemente inkrustiert sind in ihrer eigentümlichen Zwittergestalt aus
fotografischer Herkunft, konzeptueller Reduktion, materieller Patina und detailverschleierndem
Arrangement.
Das Zusammenspiel der Einzelbestandteile dieser artifiziellen Konstruktion induziert ein
Raumerlebnis der besonderen Art: Unvermittelt wächst die Gestalt auf den Betrachter zu, wie frei
von räumlicher Gebundenheit, immateriell und doch eindringlich präsent, wie schwebend zurückgenommen
und doch im aggressiven Impetus erfaßt, flüchtig und vital zugleich, machtvoll noch in
der Andeutung, handfest in der Auflösung, impulsiv bei aller Statuarik.
Dieses Vexierspiel eines im Flächenverbund evozierten Raumkörpers erzwingt eine ständig
den Standort verändernde Betrachterhaltung, was auf Raumerkundung hinausläuft. Dieser
Vergewisserungsvorgang wird auch dann fortgesetzt, wenn der 'Versuchsaufbau’ bekannt ist: Zu
frappierend und geheimnisvoll stellt sich die Szenerie dar, zu komplex im wahrsten Sinne der
Detailfluß, zu nuancenreich das reich besetzte Feld der Übergänge, Schwebezustände und
Halbtöne. Und schließlich nicht zu vergessen der Zusammenklang mit dem inszenatorischen
Rahmen des Umraumes, der mit Wand- und Bodenstruktur einfließt in das filigrane Netzwerk der
Acrylglasgefüge mit den darin eingewobenen, höchst lebendigen Schattenwesen.
'Durchbrochener Raum’ könnte vielleicht auch mit 'aufgebrochener Raum’ beschrieben
werden, denn es sind vor allem ja die Begrenzungen, die außer Kraft gesetzt werden mittels
Reduktion der konstruktiven Elemente, wie auch der Schichtung der Raumschnitte. Der vertraute
Umgehensmodus mit Raum wird ausgehebelt: durch Distanzbildung und Verunklärung, durch
Einblenden und Wegwischen, durch Überlappen und Verdichten, durch Rhythmisieren und
Zusammenballen, durch Ausholen und Umfassen. Dennoch bleibt all das raumgebunden und
raumbezogen, bleibt verankert über die Position des Betrachters, ist eingenordet über den
Ausstellungsraum, belebt durch das Licht und schließlich dramatisiert und inspiriert durch den uns
innewohnenden Bild- und Symbolfundus, den wir zumindest in Teilen gemeinsam haben mit der
Künstlerin und den wir alle seit archaischen Zeiten tradieren und um neue, zeitgemäße Elemente
fortzuschreiben bemüht sind.
Ulrike Bolenz hat weitere solcher raumsprengender Körpereruptionen von höchster
Dynamik geschaffen, genannt seien die 'Kämpfenden’ (2000), zwei in barockem Schwung
zueinander dramatisierte Akte, sowie ein einzelner Kämpfer, der mit den Beinen vorab aus dem Nichts
herauszuexplodieren scheint (2001). Aber auch der 'Absprung’ von 2002 schnellt in sichelförmigem
Impetus eine Männergestalt mit ausgestreckten Armen hervor, deren unterer, kometenhaft
aufglühender 'Schweif’ sich als gekonterte Dopplung erweist - eine zweifach gerichtete Dynamik,
deren Ursprung jeweils in wolkig-diffuser Leibesmitte zu suchen ist. Und letztlich gehört auch der
aus der »Fallender« 'Ikarus-Serie’ in diesen Kontext, ein mit ausgebreiteten Extremitäten zur
X-Form geronnener Entsetzensschrei, der seinen formalen Widerhall in den schollenartig
gebrochenen Acrylglasscheiben findet.
Alle diese Gestalten sind schemenhaft erfaßt, ihnen fehlen Binnenzeichnung und individuelle
Charakteristika, und von dem Ausgangsfoto ist kaum mehr geblieben als der körpersprachliche
Grundduktus und eine Andeutung von Mimik - wenn überhaupt. Die Eingriffe am Negativ und
die Überarbeitung mit Acrylfarbe machen das Modell vergessen und evozieren Figurationen von
zeitloser Dramatik und existentieller Gleichnishaftigkeit: Kampf, Auseinandersetzung,
Über-Sich-Hinauswachsen, aber auch Aggression, Angriff, Sturz, Scheitern - die ganze Ambivalenz des
Spannungsbogens, in den der Mensch schicksalhaft eingebunden ist, wird in diesen Szenen und
durch die Raum und Zeit negierende Formgebung zur Metapher verdichtet.
Daneben existiert aber noch eine ganze Werkgruppe mit Variationen über frontal aufgefasste
Frauenakte, einzeln oder in Dopplung, wobei die zweifache Figuration eine exakte Dopplung
darstellt, die freilich durch Be- und Überarbeiten verändert einherkommt. Eine solche Dopplung
heißt 'Cloning’, verweist auf die genetische 'Zuchtwahl’ und ist auch anspielungsreich mit solchen
biochemischen Chiffren verfremdet. Wie aus dem erdfarben durchstimmten Unbekannten treten
diese Akte schemenhaft hervor, aber trotz der unheimlichen und unheilsignalisierenden
Reproduktionsmetaphorik behauptet sich - ganz unprätentiös der Mensch, bar jeder Attitüde, jeden
Attributes, jeder gesellschaftlichen Anmaßung, jeden Standes, jeden Dünkels, einfach so:
kreatürlich, still aufbegehrend, nackt, sinnlich, präsent, unangestrengt, beiläufig, wirklich. Und
immer wieder diese Frau: in eine Acrylglas-Halbsäule eingeschrieben, als 'Segel’ eine Kunststoffbahn
markierend, in einen durchscheinenden Kasten eingeschlossen - eine Imagination des Menschen im
Sinne Octavio Paz' über sich hinausgehend, sich projizierend, sich ständig überschreitend.
Ganz unvermittelt, im antithetischen Neben- und Gegeneinander, kommt schließlich
'Mensch - DNA’ (2000) einher, eine Arbeit, die sich mehrschichtig auf zwei Meter in der Tiefe
staffelt. Wieder ist es ein frontal aufgefaßter Frauenakt, der - in feine senkrechte Lamellen zergliedert
mit dem Chiffrenvokabular der Gentechnik konfrontiert wird, welche wiederum ein schräg verlaufendes
Raster mit amorphen, stark malerisch verfremdeten Partien konterkarieren. Der fragmentarisierte
Mensch fügt sich gleichwohl zur Ganzheit - es kommt auf den Standpunkt an - was man
getrost zum Motto erheben könnte angesichts all' dieser raumverlorenen, zergliederten retuschierten
Figurationen, welche trotz aller Anfechtungen sinnlich und vital im virtuellen Raum stehen.
Denn bei aller Verhaltenheit in Farbe und Formgebung sind diese Arbeiten von Ulrike
Bolenz keine Abgesänge auf ein Fin de siècle der Jetztzeit. Aber die Vitalität ist eine stille, eine, die
Maß und Würde verpflichtet ist, die das Gleichgewicht sucht und ihre Legitimation aus der
Menschheitsgeschichte bezieht, die das Kreatürliche herausstellt, aber die Frageform nicht
unterschlägt, die in der Tradition des Menschenbildes steht, aber das erschreckend Andere,
Neue zuläßt. Ganz lapidar mit 'Welt’ ist eine Arbeit aus 2002 betitelt und weist - auf 70 cm Tiefe
verunklärt - ein riesiges Pandämonium aus bildhaften Andeutungen, malerischen Exegesen und linearen
Strukturen auf. Dieser formal gebändigte Tummelplatz der Geister verlangt dem Deuter einiges ab,
belohnt aber jene reich, die sich auf diese Metapher von Welt einlassen und jene Komplexität zu
ergründen trachten, welche das Hier und Heute mit all' seinen Brüchen, Verwerfungen und
Hoffnungen ausmacht.
Klaus Flemming
'Der durchbrochene Raum' - Anmerkungen zum Werk von Ulrike Bolenz
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