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Claudia Spielmann |
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‘Der Fliegenreiter’
Malerei + Zeichungen
22. Aug. bis 27. Sept. 2003
F.A.Z. vom 20.09.2003 (Kunstmarkt)
Saltatoria, Kabelbrand, Eische
In Hamburger Galerien: Spielmann, Löffke, Tucholski
Nur wenige junge Künstler beschreiben ihren Drang zu malen so eloquent wie die 1962 geborene Claudia Spielmann. Sie trage Bilder in sich herum, sagt sie, die auf sie wie ein Befehl wirken: "Wie ein Langzeitbefehl. Oder wenigstens wie eine dringliche Bitte: Mal uns, wenn du irgend kannst." Die inneren Bilder entstehen draußen, im wirklichen Leben - zwischen stillgelegten Industrieanlagen in Japan, unter Stahlbrücken in Kalifornien - oder auch im eigenen Garten. Was entsteht, ist kein Abbild, sondern ein Bild, das hinter dem inneren Bild zutage tritt. Claudia Spielmann läßt es lustvoll wachsen, schichtet Schichten, kratzt ab, übermalt, erfreut sich spürbar an der Qualität des handgeschöpften Papiers und an den Eigenschaften von indischer, japanischer, englischer Tinte und deren Interaktion mit Graphit, Wandfarbe aus dem Baumarkt und anderem. Strenge braucht man, sagt sie, und den Mut zu zerstören. Stilistisch mag sie dem Informel nahestehen, aber, aufgewachsen in einem Kunsthistorikerhaushalt, braucht sie die Vorbilder nicht als Ausgangspunkt, sondern höchstens als Befreiung zum eigenen Sehen.
Der Titel der Ausstellung ihrer jüngsten Bilder in der Galerie Borchardt heißt "Fliegenreiter", nach ihren Illustrationen für das gleichnamige Gedicht von Christoph Stählin. (Die kleinen Collagen auf Papier kosten je 590 Euro.) Die Großformate auf Leinwand spielen häufig mit der weißen Grundfläche, lassen Restformen von konkreten Gegenständen auftauchen, die in der Komposition einen Teil des neuen Ganzen werden ("Das weiße Album", Mischtechnik auf Leinwand, 5800 Euro). In diesem Sommer entstand manches im heimischen Garten, was nur noch im Titel erkennbar ist, zum Beispiel "Saltatoria" (4500 Euro). Blumen gaben Namen, Farben und Formen; was bleibt, sind auf das Wesentliche konzentrierte, neue Welten im Zweidimensionalen - immer auf der Suche nach dem großen Zeichen. (Bis 27. September.)
...
Christof Stählin: Der Fliegenreiter
Ich hab’ die Gewohnheit, mich nachts
zu verkleinern und Fliegen zu reiten,
mich aus dem Schlaf heraus zu
verfeinern in winzige Weiten.
Augenwimpernwinzig späh‘ ich ins
bleischwere Dunkel,
bis meine Reitfliege kommt im
grünblauen Mondlichtgefunkel.
Ich bin der Fliegenreiter.
Zum Start des Schlafenden Unterlippe
dient mir als Rampe,
dann geht es in rasendem Aufwärts-
strudel hinauf und zur Lampe.
Unter der Decke schwebend trefflich,
die längst mir versanken,
meine ängstlichen, harmlosen, armen
kleinen Kindergedanken.
Ich bin der Fliegenreiter.
Bei der Rast setzt meine Fliege den
nippenden Rüssel
auf den Grund des gläsernen Tals
von der Lampenschüssel.
Aufgestützt, das Kinn vorgereckt,
spähe ich von dem Rande
der Lampe hinab in den Abgrund, das Finstre, das Unbekannte.
Ich bin der Fliegenreiter.
Erspähe beim ziellosen Flug
durch des Zimmers innere Weite
mit schmalen Kundschafteraugen
des Lebens andere Seite.
Der Schrank, die Lampe, die Vorhänge,
Türen, der Tisch und die Wände
sind mir ferne Gestade, Wüsten,
Gebirge und Kontinente.
Ich bin der Fliegenreiter.
Zwischen dem Sirren der Flügel,
die Fersen am Fliegenkopf, lenk‘ ich
das tiefblaue Tier nach meinem
Willen, und dabei denk‘ ich,
den rasenden Leib unter mir
vibrierend im Schnittpunkt der Beine,
wie ich turnend mit der Fliege
im Flug mich vereine.
Ich bin der Fliegenreiter.
Halt auf dem weißen Hügel,
der leblos schlafenden Stirne,
und meine Lanze gesenkt in die
Haut vor dem träumenden Hirne.
Aus der Pore sickert herauf und
steigt etwas Gutes,
ein quellender Perlentropfen des
dunkel schimmernden Blutes.
Ich bin der Fliegenreiter.
Und indem ich kniend davor
mich saugend erneue,
entdecke ich weit hinterm Fenster
des tagenden Tags erste Bläue.
Nacht ist Leben, und Licht ist Tod,
und vom Lichte benommen,
geh‘ durch den schlafenden Mund ich
ein, durch den ich gekommen.
Ich bin der Fliegenreiter.
(Die Wiedergabe des Gedichts, erschienen in dem Band ‘Die Findelkinder’ im Nomen + Omen Verlag, Hamburg 1999, erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.)
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