Logo Galerie Borchardt

'Ohne Titel', 1999
Malerei u. Siebdruck auf s/w-Fotografie
10x150 cm



Galerie Künstler Ausstellungen Aktuell Kataloge Kunst am Bau
Helle Jetzig
 more




'Uncertain Places'

23.10. - 5.12.99

Einführung zur Ausstellung Galerie Borchardt am 23.10. 1999
Von Katrin Zschirnt


Liebe Gäste, Spontan werden sie sagen: Die Szenarien die Helle Jetzig von amerikanischen Großstädten - und immer wieder von New York - zeigt, kenne ich auch. Seine Ansichten, Spiegelungen und Wahrnehmungen werden sich mit ihren Erinnerungen kreuzen. Das Empire State Building werden sie im Kopf haben, die Skyline von New York natürlich und die vielen yellow cabs, die gelben Taxen, die ganz einfach dazu gehören, zum Straßenbild von New York. Helle Jetzig hat all dies eingefangen durch Fotografie durch Doppelbelichtung, Überblendung und Verdopplung ins Bild gesetzt, maltechnisch und grafisch verstärkt. Der Lärm der Großstadt scheint gebannt, eingelegt und hinterlegt in eine dicke Schicht aus Lacken. Tief darunter liegt das Tosen der Stadt, fixiert und "eingefroren" unter einer Firnis aus Harz.

Spuren der Großstadt atmen in den Bildern von Helle Jetzig. Yellow cabs vor bläulichen Fassaden, violette Fensterfronten und Brückenpfeiler ziehen immer wieder unsere Blicke auf sich. Unser Auge wandert hinauf und hinab und wir entdecken noch mehr: Strassenschilder, Plakatwände, ein M für Metro, Rollstuhlschilder, Werbe- und Reklameschriften auf Möbelwagen, Baustellenschilder und an anderer Stelle die Leuchtbuchstaben eines Cafés, dargestellt mit stilisierter Espresso Tasse. Die Welt um uns herum ist reduzierbar geworden auf wenige Zeichen. Ein one-way, ein sale mit open oder ein servive reichen aus, um zu vermitteln, daß wir eingebunden sind ins Geschehen, teilhaben an Angebot und Nachfrage. Wir scheinen mit diesen bits und inputs auszukommen. Eine Art virtueller Platz ist entstanden. Ein Ort, der alles möglich und für uns verfügbar zu halten scheint. Wir können kaufen was wir wollen, Möbel oder eine Tasse Espresso. Wir können uns dabei bedienen lassen oder uns selbst bedienen. Die Metro nehmen oder eins der gelben Taxen nehmen. Alles scheint verfügbar zu sein. Dennoch, ist diese Welt der Zeichen, Logos und Lables, die Helle Jetzig glänzend ins Licht rückt, in keinster Weise ein-deutig. Nie sagt uns das Bild, was wirklich ist. Wir wissen nie genau, wo wir uns tatsächlich befinden. Die Markierung auf der Strasse führt uns nicht wirklich durch das Labyrinth der Pfeiler und Straßen. Unser Standort ist nie eindeutig. Menschen, die das Geschehen um uns herum mitgestalten, finden sich nicht.

Durch den Kunstgriff der Überblendung und Ausblendung, des blinden Flecks, formal gelöst durch den Zusatz des Siebdruckverfahrens, der in jedem Szenario eine Art Stempel setzt, entstehen neue Blickwinckel und Aussagen. Horizonte schieben sich zusammen. Perspektiven entstehen. Viele Möglichkeiten bleiben, Zeichen zu deuten. Viele Orte, an denen wir gleichzeitig anwesend sind. Unser Standort ist ungewiß. Es sind uncertain places, an die uns Helle Jetzig in seinen leuchtenden Szenarien führt.

Wir verständigen uns bei Helle Jetzig durch Blicke, die auch Informationen sind, Lables und Botschaften. Helle Jetzig zeigt: das ist die Welt heute. Unser Standort ist nicht mehr eindeutig. Dort, wo alles möglich ist, wo alles auch virtuell machbar ist, gibt es keine Sichterheiten. Wo ist innen? Wo außen? Wo hört oben auf, und wo beginnt die Tiefe? Die Informationen sind überall. Auch das ist unsere Welt. Orte sind Möglichkeiten. Standpunkte sind Ansichtssache. Zeichen sind Daten. Botschaften sind Logos. Bilder sind Lables. Helle Jetzig schafft es, durch die Insignien unserer Zeit ein Bild zu geben von einem Zustand, den wir mit Komplexität beschreiben. Das Komplexe ist das nicht ein-deutige, weil vielschichtige, mehr-deutige und komplizierte. Unsere Welt ist komplex geworden. Helle Jetzigs Bilder enthalten Zukünftiges: Komplexität, so wir wie ihr formal als Verdopplung oder blindem Fleck begegnen, fordert uns als Einzelnen und Wahrnehmenden, auszublenden, was nicht ist oder wirklich zu uns paßt.

An anderer Stelle ist jene formale Welt der Zeichen einer stilisierten Landschaft gewichen. Aus C. D. Friedrichs "Mönch am Meer" ist die vier-teilige Serie "Nonnen am Meer" entstanden. Malerisch angelegt ist der Bildaufbau. Ein tief versetzter Horizont zeigt einen Strand. Über gold-gelb leuchtendem Meer fliegen Hubschrauber, weiße und schwarze, schablonenhaft. Am Strand unten sitzen Badende. Alles scheint hier uneindeutig nah zusammen zu liegen. Freizeit und Krieg irritieren durch ihre Gleichzeitigkeit und Präsenz. Wie weit ist das Reale vom Virtuellen entfernt? Was ist wirklich, was ist wahr? Gestaltet unser Blick das Geschehen? Oder gestaltet das Geschehen unseren Blick? Uncertain places. Der archimedische Punkt, der Ausgangort und Orientierungspunkt, das Maß aller Dinge, scheint verloren. Logik, die eindeutige Antwort auf die Welt, ist nicht mehr das Maß aller Dinge.

Helle Jetzigs Szenarien sind keine klassischen Tafelbilder, weder Fotografie im klassischen Sinn, noch Experiment mit Siebdruck. Beschreiben möchte ich Helle Jetzigs Arbeiten als "Datenpools". Hier fließt ein, worüber ein Künstler heute verfügt. Die Erfahrung mit romantischer Bildtradition, das Wissen um spätbarocke Firnis und Maltechnik, das Verarbeiten komplexer Nachrichten und die Gabe, ein Publikum über vertraute Zeichen und Bilder neu anzusprechen, zu beteiligen an der Kunst und ihren Prozessen.

Wie werden wir zukünftig mit all den Bildern und Zeichen umgehen? Wie werden wir diese Komplexität verkraften, sie verarbeiten und nutzen? Impulse können dazu aus der Kunst kommen. Kunst lebt aus Entscheidungen. So, wie Sie bei Helle Jetzig aufgefordert sind aus der Fülle der Zeichen, die heraus zu holen, die für Sie als Gesamtbild von Bedeutung sind, Sinn machen, so kann Kunst heute dazu beitragen, uns für das Entscheidende, weil für uns Bedeutsame, zu sensibilisieren und zu konditionieren. Helle Jetzigs Szenarien weisen dorthin.

© s. Impressum



HELLE JETZIG
................................

Biografie
Ausstellung | 13
Ausstellung | 10
Ausstellung | 08
Ausstellung | 07
Ausstellung | 05
Ausstellung | 03
Ausstellung | 02
Ausstellung | 01
Ausstellung | 99
Ausstellung | 98
Kataloge
Presse




'Vertical 30', 1999
Malerei u. Siebdruck auf s/w Fotografie
160 x 90





'Vertical 26', 999
Malerei u. Siebdruck auf s/w-Fotografie
160x90 cm